Vom Semikolon

In der Welt der Satzzeichen hat’s das Semikolon nicht leicht; zwar ist es gewichtiger als das leichtfüßige Komma, hat aber doch längst nicht die Würde und die Autorität des satzabschließenden Punktes. Nix Halbes und nix Ganzes also.  Außerdem machen sich die anderen immer über das Semikolon lustig; der barocke Sprachgelehrte Justus Georg Schottel hatte es nämlich in seinem bedeutenden Traktat Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache als „Strichpünctleyn“ bezeichnet – und mal ehrlich: einen fieseren Spitznamen kann man sich ja auch kaum vorstellen. Aber trotzdem hats das Strichpünctleyn weit gebracht, wie wir noch sehen werden. Doch zunächst einmal die basic facts: Wozu brauchen wir überhaupt das Semikolon?

Semikolon

Aufgabenbereich

Tja. Gute Frage – denn so richtig dringend brauchen wir das Semikolon eigentlich gar nicht, meinen heute immer mehr Menschen. Seine Hauptaufgabe ist es, gleichrangige Sätze oder Wortgruppen voneinander zu trennen. Aber das machen Komma (schwache Abgrenzung) und Punkt (starke Abgrenzung) ja auch. Schöngeister und Sprachliebhaber indes halten das Semikolon allerdings für weiterhin unentbehrlich; ermöglicht es eben einen ungleich differenzierten Ausdruck der Abgrenzung als jene anderen Satzzeichen fürs gemeine Volk. Ich selbst halte das Semikolon in zweierlei Hinsicht für nützlich; zum einen drückt es (stärker als dies ein Komma vermöchte) einen kausalen Zusammenhang zwischen zwei Sätzen aus; zum anderen hilft es, bei Aufzählungen den Überblick zu behalten. Dies vor allem, wenn einzelne Elemente der Aufzählung durch und verbunden sind:

Auf dem Hochbeet gedeihen verschiedene Schnitt- und Pflücksalate; Rettich und Radieschen; Gurken, Mangold und Lauch

Praktisch finde ich den Strichpunkt auch bei Aufzählungen in Listenform (mit Aufzählungszeichen oder Bullets), wenn die einzelnen Elemente komplexer oder umfangreicher sind:

Derzeit gedeiht auf dem Hochbeet

    • Cerbiatta, eine zu den Eichblattsalaten gehörende Sorte aus Katalonien;
    • eine neue Sorte Romanasalat, die besonders schnell erntereif sein soll;
    • wechselfarbiger Baby Leaf Mangold;
    • Valmaine-Salat, eine Sorte mit besonders knackigen, zarten Blättern

 

Im Ausland

Unabhängig von Sprach- und Landesgrenzen: Ein Komma ist ein Komma; ein Punkt ist ein Punkt – Punktum! Beim Semikolon allerdings verhält sich das ein bisschen anders. Denn was unsereiner hier so zwischen List auf Sylt und dem Weiler Einödsbach im Oberallgäu als Semikolon gebraucht, findet in Griechenland als Fragezeichen Verwendung:

Τι κανεις; – Καλα. Κι εσυ;

Wie geht es dir? – Gut. Und dir?

Das griechische Semikolon sieht übrigens aus wie ein Hochpunkt ˙ – und weil man den so leicht übersieht, wird er in griechischen Texten auch kaum noch verwendet. So läuft das halt.

In der Mehrzahl

Das Semikolon ist, wie wir gerade gelernt haben, ein KANN-Zeichen; man kann es setzen, muss es aber nicht. Und auch bei der Mehrzahlbildung des Strichpunktes gilt die KANN-Regel: Semikola und Semikolons – kann man beides machen, sagt der Duden.

Das Semikolon in der Welt der Emojis

😉

In Mathematik und Informatik

In der Mathematik nutzt man das Semikolon gerne bei der Darstellung von Mengen; so wird die Verwechslung mit Dezimalzahlen vermieden: M = {3; 5,5; 9,7; 12}. In etlichen Programmier- und Skriptsprachen wie Java bzw. PHP dient das Semikolon als Trennzeichen.

Das Semikolon-Projekt

Immer häufiger begegnet man Menschen, die ein Semikolon als Tattoo tragen, zum Beispiel am Handgelenk – allerdings nicht als trendigen Modegag. Das Tattoo ist gewissermaßen das Signet des 2013 in den USA gegründeten Project Semicolon; die Non-Profit-Bewegung hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen, die unter Depressionen, Burn-out, Selbstmordgedanken leiden, Hoffnung zu geben und Mut zum Weiterleben zu machen. Das Semikolon, so erläutert die Gründerin der Initiative die Wahl des Symbols, „steht für einen Satz, den der Autor beenden könnte, aber sich dazu entschieden hat, es nicht zu tun. Dieser Autor bist du – und der Satz ist dein Leben.“ Das Projekt hat von Brigitte bis Bildzeitung viel positive Medienresonanz bekommen; allerdings gibt es auch sehr kritische Gegenstimmen

Bildnachweis

Herzlichen Dank an meinen Kollegen Marcus Mientus für seine tolle Illustration zu diesem Artikel. Noch mehr leicht skurrile Interpunktions-Illus von Marcus findet ihr zum Beispiel in diesen Beiträgen aus dem AhlerHeinel-Blog: „Ampersand & Co.: Von den Anfängen bis heute“; „Plenken und Klempen“; „Aber Hallo: Mit oder mit ohne Komma?“

Lutz Worat

Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei Cascade nicht leicht zu schlagen. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

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