Nicht so viel klammern!

In meiner heutigen kleinen Plauderstunde möchte ich die Aufmerksamkeit aller Satzzeichen-Nerds einmal auf die gute alte Klammer richten – ein in zweierlei Hinsicht besonderes Zeichen. Denn Klammern sind erstens die einzigen Satzzeichen, die gemeinhin in einer festen, stabilen Zweierbeziehung auftreten (nämlich als sogenannte öffnende und schließende Klammer). Fehlt eine der beiden, empfiehlt sich erneutes Korrektur lesen oder der Gang zur Paarberatung.

Zum  zweiten aber sind Klammern auch als die Gestaltwandler oder Metamorphe  unter den Satzzeichen bekannt. Ein Komma sieht immer mehr oder weniger aus wie ein Komma; ein Ausrufezeichen kann machen, was es will, es wird einfach nie diese verführerischen Kurven eines Fragezeichens annehmen. Klammern dagegen kann man in unterschiedlichen Versionen begegnen.
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(Runde Klammern)

Quasi die Klammer für jeden Tag. In der Regel werden in Fließtexten, Aufzählungen etc. runde Klammern verwendet, um Satzteile voneinander abzugrenzen oder einzelne Begriffe umschließend zusammenzufassen:

Rentnerin Erna Lehmann (78, begeisterte Bergsteigerin) ist auch in fortgeschrittenem Alter noch fit wie ein Turnschuh („fit wie ein Sneaker“ sagt man ja nicht).

[Eckige Klammern]

Sozusagen die Klammer in der Klammer: Eckige Klammern verwendet man, wenn’s innerhalb eines Klammerausdruck noch mehr zum Klammern gibt:

Klammern (manchmal auch als Parenthese [griechisch: parénthesis „Einschub“] bezeichnet) dienen der Gliederung von Sätzen.

Außerdem nimmt man eckige Klammern, um zum Beispiel in Zitaten Auslassungen oder Einfügungen zu markieren:

Der Literaturnobelpreis [2016; Anmerkung des Autors] dagegen ging an Bob Dylan.

{Akkoladen}

Keineswegs die Bezeichnung für ein Geschäft, in dem es wiederaufladbare Batterien gibt: Die geschweiften oder geschwungenen Klammern werden zum Beispiel in der Mathematik verwendet, um Mengen zusammenzufassen:

M = {x | x ist eine Grundfarbe}.

Außerdem werden geschweifte Klammern in der Typografie verwendet, um mehrere Zeilen zusammenzufassen (der Begriff Akkolade kommt übrigens aus dem französischen [von „accolade“: „Umarmung“]).

Das Verhältnis von Klammer und Leerzeichen …

… ist eigentlich ganz einfach: Leerzeichen vor öffnender und nach schließender Klammer; kein Leerzeichen nach öffnender und vor schließender Klammer (mehr dazu in meinem [ebenfalls sehr lesenswerten] Beitrag über Plenken und Klempen und andere typografische no-gos). Ausnahme: Folgt auf eine schließende Klammer ein Satzzeichen (wie im vorigen Satz der Schlusspunkt), wird kein Leerzeichen gesetzt.

Die Klammer in der Mathematik

Weil dieses Thema so umfangreich ist, dass es locker für einen eigenen Beitrag reichen würde, will ich mich auf ein einziges Beispiel beschränken. Üblicherweise gilt in der Mathematik ja die Vorfahrtsregel „Punktrechnung vor Strichrechnung“:

a + b · c

(Erst b mit c malnehmen und zum Ergebnis a dazuzählen)

Wenn anders gerechnet werden soll, kommen sogenannte Gruppierungsklammern ins Spiel, die die Reihenfolge der Berechnung verändern:

(a + b) · c

(Erst a und b zusammenzählen und dann das Ergebnis mit c malnehmen)

Die Klammer in der Welt der Emoticons

🙂

Die beiden berühmtesten Klammern in der Popmusik

(I Can’t Get No) Satisfaction

Zum Titel dieses Beitrags

Ich habe diesen Beitrag mit dem Titel „Nicht so klammern“ versehen; doch warum nur?  Wer bis hierhin gelesen hat, wird mittlerweile gemerkt haben, dass es sich nicht um einen Ratgeber-Artikel für überbesorgte Hubschrauber-Eltern (man muss lernen, loszulassen!) handelt. Weshalb also dann diese Überschrift? Ganz einfach: Klammern können sehr nützlich sein, um Texte übersichtlich zu gliedern. Man sollte sie aber sparsam einsetzen und keinesfalls so massiv gehäuft wie in diesem Artikel verwenden!

[In Parenthese: Die Illustration kommt mal wieder von meinem Kollegen Marcus Mientus – herzlichen Dank dafür!]

 

Lutz Worat

Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei Cascade nicht leicht zu schlagen. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

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