Das Leben ist hart. Chuck Palahniuk schreibt härter.

Igitt. Widerlich. Ekelig: Drei Wörter, die besonders häufig fallen, wenn von Büchern von Chuck Palahniuk die Rede ist. Es sollen sogar schon nach einer Lesung des Autors mehr als siebzig Zuhörer ohnmächtig geworden sein. Keine Frage also: Das Leben ist hart, aber Chuck Palahniuk schreibt härter – bis ganz dicht dran an die Schmerzgrenze. Seinen Arbeitsstil nennt er übrigens „Dangerous Writing“.

Zum Brüllen komisch: Ein Begriff, der nicht so besonders häufig im Zusammenhang mit Palahniuks Texten verwendet wird. Was ich ziemlich ungerecht finde, denn für mich gehören seine Bücher mit zum Komischsten, was die moderne Literatur zu bieten hat. OK, widerlich, ekelig und igitti-gitt sind sie natürlich auch, und nachdem ich in weniger als zwei Tagen drei Palahniuks hintereinander weg verschlungen hatte, brauchte ich zur Abwechslung erstmal wieder etwas leichteren Lesestoff.

Mit seiner völlig grotesken Überhöhung von Gewalt, Grausamkeit und sexueller Devianz ist der 1962 geborene Amerikaner ein enger literarischer Verwandter von Künstlern wie Alfred Jarry, Antonin Artaud oder auch J. G. Ballard; etliche seinerFiguren scheinen bar jeder Moral oder Ethik zu agieren – Nachfolger von Jarrys König Ubu in gewisser Weise. In Fight Club, Chuck Palahniuks Erstling, besucht die Hauptfigur beispielsweise Krebs-Selbsthilfegruppen, um durch die Leiden der Mitmenschen selbst wieder gute Laune aufzutanken. Tender Brason, der Ich-Erzähler in Flug 2039, nutzt Selbstmord-Hotlines, um Frauen kennenzulernen. Und in Fratze kümmert sich eine durch einen Unfall fürchterlich entstellte ehemalige Schönheitskönigin rührend um einen harmlosen Tramper – indem sie ihn mit Aufbaupräparaten für eine Geschlechtsumwandlung vollpumpt.

Chuck Palahniuk, so wie ihn mein Kollege Marcus Mientus sieht

 Chuck Palahniuk, so wie ihn mein Kollege Marcus Mientus sieht

Chuck Palahniuk – Lesetipps

Wer die wundervolle Welt von Chuck Palahniuk gleich mit der Wucht einer Dampframme kennenlernen möchte, dem kann ich zum Beispiel Die Kolonie empfehlen: Auf eine Annonce melden sich siebzehn mehr oder minder erfolglose Autoren, um ungestört und fernab der Alltagssorgen in einer Art Künstlerkolonie endlich Meisterwerke zu verfassen. Doch was zu Anfang wie Paradies klingt, wird innerhalb kürzester Zeit zur Hölle – die sich die Protagonisten zum großen Teilen selbst bereiten. Und wie gesagt: Hier geht’s ganz schnell zur Sache – etliche Passagen der total aberwitzigen Geschichte sind wirklich ziemlich ekelig.

Nicht ganz so extrem (aber natürlich alles andere als Mainstream) ist dagegen Bonsai, die Geschichte des in allen Formen des tödlichen Nahkampfs ausgebildeten Spions Nr. 67, der als Austauschschüler getarnt in die USA einreist, um das westliche System vernichtend zu treffen. Erzählt wird das Ganze aus der Ich-Perspektive von Spion Nr. 67, allerdings in einer Art Pidgin; hier zur Einstimmung die Szene, in der der Held die Einwanderungskontrolle passiert:

Passmann, Beamte Null hinter Panzerglas, liest Pass von Agent Ich, vergleicht mit Angaben von Visum. Mann sieht hinab auf diese Agent und sagt: »Du bist ja ganz schön weit weg von zu Hause, Junge.« Mann, alte Pferchtier – stirb an zu viel Blut in den Beinvenen! Ganztag stehen, irgendwann muss Toilette gehen, ratsch-peng, Gerinnsel in Hirn und kaputt. […] Könnte sein Eisenfaust von diese Agent anwendet Blitzschlag, pau-bäng. Panzerglas kaputt. Kobra Schnelltod Manöver. Luftröhre von Passmann kollabiert. Ist tot sofort.

Viel Spaß beim Lesen, doch wie gesagt liebe Kinder: Nicht zu Hause nachmachen! Mehr über und von Chuck Palahniuk –zum Beispiel seine Tipps für erfolgreiches Schreiben  – findet ihr auf seiner WebsiteFight Club wurde übrigens 1999 mit Brad Pitt als Tyler Durden verfilmt. Die 2007 erschienene DVD wurde ein großer kommerzieller Erfolg.

 

Lutz Worat

Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei Cascade nicht leicht zu schlagen. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

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